"aha..." alexander hat's aufgeschrieben: Alles nur Geblubber? Vom Surfen in Social Media Strömen.

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Ein evangelischer Neubischof findet sich erst seit wenigen Wochen rein, ein evangelischer Altbischof ist dagegen schon wieder raus.  Ein CDU-Hinterbänkler orakelt von ihrem Ende, während die Erstbänklerin mit dem „Zukunftsdialog“ fast schon ihr eigenes aufmacht: Soziale Netzwerke im Internet. Was ist dran an ihnen? Was versprechen sich die einen davon, warum fürchten sie die anderen?

Ich bewässere meinen Facebook-Stream bereits seit fast fünf Jahren. Im Internet unterwegs bin ich seit dem Wintersemester 1994/95, als ich, frisch nach Heidelberg gewechselt, die segensreiche Einrichtung des Universitäts-Rechenzentrums entdeckte. Den zweiten Tag nach dessen Entdeckung verbrachte ich vollständig dort und ausschließlich auf dem German Internet Chess Server (GICS). Später wechselte ich zum größeren FICS. Die Schachserver waren schon damals soziale Netzwerke. Das gemeinsame Interesse am Schachspiel war nur der Ausgangspunkt. Drumherum entstand ein Chat- und Diskussionsgruppensystem.

Da gab (bzw. gibt) es Kanäle für die jeweils vertretenen Muttersprachen, es gab Kanäle für Literaturempfehlungen, ob Schach oder Belletristik, natürlich Diskussionen über Eröffnungsvarianten, aber auch über politische, philosophische und religiöse Themen. Auf einem Schachserver, jawohl. Als Einsteiger durfte man enorme Hilfsbereitschaft erfahren. Und viel Quatsch gab’s natürlich auch.

Der Reiz, über das Internet mit einer Vielzahl von Menschen an den unterschiedlichsten Orten und in den unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen in Kontakt zu kommen, war es eigentlich, der mich von Anfang an fesselte. Bis heute hat sich daran wenig geändert.

Zwei Missgeschicke sind mir in diesen mittlerweile 18 Jahren (hurra, volljährig!) Onlineleben unterlaufen: Einmal, es muss im Frühsommer 1995 gewesen sein, verursachte ich 600 DM Telefonkosten, weil ich mich unbedingt aus der saarländischen Heimat per Modem ins Heidelberger URZ einwählen musste – und über dem Schachspielen etwas die Zeit vergaß. Und vor ungefähr zwei Jahren habe ich versehentlich einmal mein komplettes Google-Mail-Adressbuch zu Facebook eingeladen, 500 oder 600 Leute, viele davon kannte ich gar nicht, sondern hatte nur wegen einer eBay-Auktion oder Ähnlichem Kontakt zu ihnen gehabt. Facebook freilich war um über 500 E-Mail-Adressen reicher. Das ist mir heute noch peinlich.

Genau darum geht es ja vielen, die sich von Facebook wieder abmelden – oder sich erst gar nicht anmelden: ihre Daten und deren Schutz. Wenn ich mir meine erste Homepage so betrachte, frage ich mich, ob sie nicht mehr über mich verrät als alles, was ich in den vergangenen Jahren bei Facebook angesammelt habe. Adresse, Telefonnummer, Lebenslauf, Foto, alles ist da. Nur was Familie und Freunde betrifft, war ich schon damals zurückhaltend. Die Menschen um mich herum sollen in der Regel selbst entscheiden dürfen, was sie von sich veröffentlichen.

Dass die Kirche in den Netzen präsent ist, ist für mich schon lange keine Frage mehr, die irgendjemand entscheiden oder beschließen müsste. Die Menschen sind die Kirche, und die Menschen sind im Netz. Über 22 Millionen Mitglieder alleine bei Facebook Deutschland. Da entsteht ein digitales Abbild der analogen Gesellschaft. Was hier geschieht, ist nicht virtuell, sondern real: Echte Personen mit all ihren Interessen, Hoffnungen, Krisen und Wünschen tauschen sich hier aus, auch und gerade über Fragen des Glaubens und Lebens. Ja, zwischen Popsternchen-Videos, Cartoons, wahlweise Politiker- oder Medienbashing, zwischen dem Bebauen und Bewahren von Comicfarmen und –zoos werden auch seelsorgerliche Anliegen formuliert.

Wie jede Kommunikation, so birgt auch die Kommunikation in den sozialen Netzwerken zugleich zahlreiche Chancen als auch Risiken. So können einerseits Kirchengemeinden, Kirchenbezirke und Landeskirchenrat die Netze als zusätzlichen Informationskanal nutzen. Sie können „dem Volk aufs Maul schauen“, Einblick in die Lebenswelt verschiedener Milieus bekommen. Mit Hilfe der Netzwerke lassen sich Absprachen treffen, Projekte organisieren, Initiativen anstoßen – über Gemeinde-, Bezirks-, Landeskirchengrenzen hinweg. Sie können dazu dienen, die Eigenverantwortung von Ehrenamtlichen als Christinnen und Christen im Netz zu stärken. Sie können dazu dienen, Hauptamtliche bei ihrer Arbeit zu stützen und zu unterstützen. Und die Präsenz in den sozialen Netzen dient ganz allgemein der Imagepflege. Nicht zuletzt entstehen neue Formen von Spiritualität. Ein Gottesdienst auf Twitter oder auf Facebook macht plötzlich ganz neu ernst mit Gemeindebeteiligung.

Auf der anderen Seite stehen: die Problematik des Datenschutzes und der Privatsphäre; die Erkenntnis, dass mit der digitalen Gesellschaft auch neue Formen von Cyber-Kriminalität entstanden sind; die Tatsache, dass mit der Medien- und Onlineabhängigkeit ein neues Suchtphänomen aufgetreten ist, das zu gesundheitlichen Schäden und sozialer Isolation führen kann; schließlich Berichte von Cyber-Mobbing unter Jugendlichen.

Ich meine: Chancen und Risiken motivieren das kirchliche Engagement in den sozialen Netzen. Die Risiken sind gerade kein Grund, diesen Bereich zu meiden, sondern im Gegenteil erst recht als Herausforderung für die Kirche zu sehen, auch hier Menschen in Krisensituationen beizustehen.

Manchen mag ein Rollenkonflikt von der Nutzung der sozialen Netzwerke abhalten: Wie verhalte ich mich dort, zumal als jemand, der - sei es haupt- oder ehrenamtlich - auch für die christliche Gemeinde steht, als ihr Repräsentant, ihre Repräsentantin wahrgenommen wird?

Ich vergleiche Facebook gerne mit einem Gemeindefest. Man verhält sich nicht wie Liturg oder Prediger im Gottesdienst, auch nicht wie der Lehrer im Religionsunterricht, andererseits auch nicht wie im engsten persönlichen Freundeskreis. Man sitzt sozusagen mal mit diesen, mal mit jenen Menschen zusammen, hört zu, beteiligt sich am lockeren, freundschaftlichen Gespräch, antwortet auf Fragen, teilt mit den anderen Informationen und Neuigkeiten, bekommt solche umgekehrt auch mitgeteilt. Man lacht, reißt auch mal einen Witz, aber nicht unbedingt jeden, den man so kennt. Und hier und da gibt es auch die Gelegenheit, dass einen jemand oder man selbst jemanden zur Seite nimmt, um etwas Ernsteres, Intimeres zu besprechen - oder sich zumindest dafür zu verabreden. Man bewegt sich in einer Art Halböffentlichkeit. Wenn man etwas sagt, hören nebenbei auch Leute zu, mit denen man sich in diesem Augenblick nicht in der direkten Unterhaltung befindet. Insofern ist man locker, persönlich und auch durchaus echt und authentisch, aber man posaunt eben doch auch nicht alles in die Welt hinaus.

Nach meinem Vorspann die Freitagsfrage an Sie:

Seit wann schwimmen Sie mit im Social Media Strom?
Haben Sie es jemals bereut?
Was hat sich seither in Ihrer Arbeit, im Zeitmanagement verändert?
Wie reagieren Kirchennahe und Kirchenferne auf Twitter, Facebook und Co?
Worin liegen die Chancen und Risiken kirchlicher Online-Kommunikation?

Kurz: Braucht die Kirche Web 2.0 – und braucht das Web die Kirche?

Zum Antworten auf „responses“ oder die Sprechblase daneben klicken.

Bleiben Sie frisch und frei. Fromm und fröhlich sowieso.
Ihr
Alexander Ebel

Foto: Stan Shebs, Wikimedia Commons

Schlagworte: Kirche 2.0
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